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Katalin, Mutter von Zwillingen und angehende Psychologin schreibt sehr authentisch über einen der natürlichsten Umstände des "Frau-Seins"

Mein Dasein als zyklisches Wesen

Wirklich? fragte mich letzthin eine junge Frau beinahe fassungslos, als ich ihr sagte, dass ich meine Mens liebe. Und dass ich jeden Mann verstehen kann, der sich manchmal wünscht, auch ein zyklisches Wesen sein zu können.
Dass ich meine Mens liebe und mich darüber freue, vermutlich noch gut fünfzehn Jahre bluten zu dürfen, war nicht immer so. In den ersten Jahren meines menstruellen Daseins hatte ich manchmal körperliche Schmerzen, nie stark aber doch beeinträchtigend. In dieser Zeit war der Zyklus auch unregelmässig. Die auffallend schwierigen Gefühle und Gedanken, die in prämenstruellen Zeiten hochkamen, nahm ich gar nicht ernst sondern winkte innerlich ab und sagte mir, ach, alles nur Prämens. Nicht der Rede wert. Ich fühlte mich schrecklich müde, schnell reizbar und nicht leistungsfähig. Ach, nur Prämens...  Wenn ich weinen musste während der Blutung, sagte ich mir, ich habe halt meine Mens. Ich ärgerte mich über die Blutflecken in der Unterhose, hoffte immer, ich rieche nicht und fand das ganze Prozedere mit Tampons & Binden mühsam. Alles in allem einfach eine sehr lästige Sache.

Heute, gut 25 Jahre später, erlebe ich die Menstruation und den Zyklus als eine Riesenchance, mir selber immer wieder tief, überraschend und aufrichtig begegnen zu können.
Wie kommt das?
Im Laufe der letzten Jahre habe ich mithilfe von regelmässigen Körpertherapien und einer gründlichen, persönlichen Auseinandersetzung gelernt, die unterschiedlichen Phasen meines Zyklus zu erkennen, zu mögen und die entsprechenden Bedürfnisse zu leben. Ich frage mich heute beinahe täglich, in welcher Phase ich mich gerade befinde. Dazu nehme ich in meine Lieblings App, die mir alles schön rechnet, zur Hilfe. So kann ich, wenn immer möglich, mein Leben nach meinen Phasen ausrichten, sei es auch nur in ganz kleinen Bereichen. Ich trenne meinen Zyklus in eine prämenstruelle, in eine blutende und in eine eispringende Phase. Letztere beginnt mit Ende Mens und endet beim Eisprung.

Prämenstruelle Phase: die Reflexion
Zwei, drei Tage vor der Mens fühle ich mich dünnhäutig, verletzlich und weise. Schwierige Themen und Gefühle nehme ich sehr ernst, indem ich mich mit ihnen konfrontiere. Wenn dann zum Beispiel problematische Angelegenheiten in der Partnerschaft hochkommen, schaue ich genau hin, bespreche sie oder ich weine einfach, lasse Trauer oder Wut zu, je nachdem, was gerade „da“ ist. Diese Zeit wirkt wie ein Serum; es bietet unaufgefordert Klarheit gegenüber Themen, die auch im Unbewussten schlummern. Es besteht also die Möglichkeit, die innere Stimme ganz klar hören zu können. Das ist nicht immer einfach und schon gar nicht immer angenehm.

Blutende Phase: das Loslassen in Ruhe
In gewissen Naturvölkern ziehen sich die Frauen während ihrer Menstruation in Hütten zurück, geben das Blut der Erde weiter oder besinnen sich im Rückzug auf ihre Visionen. Für mich ist der Übergang von prämenstruell zu menstruell befreiend. Etwas in mir hat losgelassen, das Blut fliesst. Ich habe dann oft das Bedürfnis, dem Körper Ruhe zu schenken, viel zu liegen, keinen Sport zu treiben und mich einfach etwas zurückzuziehen.

Eispringende Phase: Tatkraft und Inspiration
Hier kann ich überschäumen vor Tatendrang, springe und hüpfe durch die Gegend, habe viele Ideen, kann alles im Nu erledigen und fühle mich voller Kraft. Und im Saft. Es ist die Phase, die am besten den Anforderungen meines beruflichen Alltags entspricht. In diesem Abschnitt –in dem ich mich gerade jetzt befinde und entsprechend lustvoll schreibe– plane ich auch Treffen mit Freundinnen oder Ausflüge und freue mich über die nicht zu negierende, starke Libido. Eine genussvolle Zeit.

Die drei Phasen bedingen sich in vielerlei Hinsicht. Die reflexive Phase, in der ich mich übrigens sehr gut an Träume erinnern kann, befruchtet die inspirierende Phase vor dem Eisprung. Diese wiederum kann sich deshalb voller Kraft anfühlen, weil ich mir in der blutenden Zeit Ruhepausen gönne.

Übrigens: Experimentelle Untersuchungen in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts haben gezeigt, dass schon rein verbale Faktoren Auswirkungen auf den Menstruationszyklus haben können. Dabei erlebten diejenigen Frauen, denen während einer Hypnose positive Begriffe zu ihrer Mens vermittelt worden sind, weitaus weniger Beschwerden während ihres Blutung.

Ich kann das persönlich nur bestätigen: Seit ich meinem Zyklus sehr positiv gegenüber stehe, habe ich keine lästigen, sogenannten prämenstruellen Symptome mehr. Im Gegenteil; ich geniesse es,  ebenso verletzlich zu sein wie auch meine ungebremste Kraft und Lust spüren zu können. Und überhaupt: diese Phasen lassen mich lebendig sein, lebendig sein heisst für mich lachen und weinen, Freude und Schmerz, Kraft und Schwäche. 

Grüsse, Katalin