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Eine Frage die mir in der Sprechstunde immer wieder gestellt wird: Was heisst eigentlich "pract med"?

Oder: Warum ich eigentlich nie `Doktor`wurde...

Die meisten Menschen setzten den Beruf des Arztes gleich mit dem Titel Doktor.

Ein Arzt ist aber nicht gleich ein Doktor. Arzt ist man, wenn man das Medizinstudium mit dem Staatsexamen abgeschlossen hat.  Historisch ist es sicher so, dass der bekannteste Doktortitel der Dr. med. war. Einerseits Status Symbol, Ausdruck und Zeichen einer langjährigen medizinischen Ausbildung, andererseits ein recht hochtrabender Titel, hatte man doch als Arzt immer schon ein gehobenes Ansehen und so weiter. Es wird allerdings oft vergessen, dass ein Doktortitel in allen wissenschaftlichen Bereichen erworben werden kann.

Nun: ein Doktortitel muss meistens verdient werden, was Zeit braucht, Ausdauer und auch Glück, ein Dissertationsthema zu finden, was einen wirklich interessiert und die Menschheit im besten Falle auch weiterbringt. Da ich das Medizinstudium spät begann (mit 28) und es zu meisten Teilen selber finanziert habe durch Jobs, blieb nebenher wenig Zeit, eine Dissertation zu schreiben. Nach 14 Semestern war alle Reserve aufgebraucht und ich wollte auch endlich als Arzt arbeiten. Sicherlich hätte ich das eine oder andere Thema gefunden, mitdem und durch das ich einen schnellen Doktortitel hätte erwerben können (schnell bedeutet hier: ca 4 - 6 Monate), aber als reine Fleissarbeit nur um diesen Titel zu tragen - da war mir meine Zeit zu schade und ich fühlte mich auch zu alt. Einige meiner StudienkollegInnen haben tatsächlich geforscht, aus Interesse, um die Medizin oder Wissenschaft weiterzubringen. Andere haben ein paar Monate lang Rewies zusammengefasst um diesen Titel zu erlangen. Ersteren gilt mein uneingeschränkter Respekt. Ueber zweitere muss ich innerlich Grinsen, wenn ich auch die Leistung als solche nicht schmälern will. Es gehört halt zum guten Ton, als Arzt auch einen Doktortitel zu führen. Nur leider macht einen das eingentlich überhaupt nicht zu einem besseren Arzt. In informierten Kreisen gilt der Dr. med. als einer der am einfachsten zu erlangenden Doktottiteln. Ein guter Freund (mittlerweile Professor für Biochemie) hat ca 3 Jahre lang intensiv und unter grossen privaten Einschränkungen, seinen Doktortitel für Biochemie erlangt. Im Vergleich hat ein ebenfalls guter Freund in knapp 5 Monaten fast nebenher seinen Dr. med. erlangt. Nur um einmal die Dimensionen darzustellen. Vielleicht war es auch ein bisschen Faulheit, aber ganz sicher war es auch eine Verstandesentscheidung, dann, nach harten 7 Jahren Studium endlich beruflich loszulegen.

Uebrigens: ich habe mich, als ich als Arzt in die Schweiz kam, schwer gewundert, von allen, auch von meinem damaligen Chefarzt, als Dr. Albrecht angesprochen zu werden. Auch auf den Briefen, die als Austrittsberichte in die Welt verschickt wurden, wurde meine Unterschrift immer über ein "Dr. med. M. Albrecht" drübergekritzelt. Das war irgendwie selbstverständlich und zog sich so durch alle Spitäler hindurch in denen ich gearbeitet habe. Als 2011 die Plagiatsaffaire des damaligen deutschen Verteidigungsministers Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg ans Licht kam (er wurde des "Abschreibens ohne Quellenangabe" in seiner Doktorarbeit überführt und hat eigentlich eine solche gar nie geschrieben), wurde mir klar, dass diese "Pseudotitelträgerei", die mir eigentlich immer egal war (habe mich nie als Dr. bei irgendjemandem vorgestellt), eigentlich ein Betrug war; Vielleicht wollten die Klinikleitungen den Eindruck nach aussen hinterlassen, man habe nur die Besten (Doktoren) angestellt. Jedenfalls schrieb ich meiner damaligen Chefin Fr. Dr. med. Brida von Castelberg (mit echtem Doktortitel) ein Mail, um auf diesem Missstand aufmerksam zu machen. Ob nun daraufhin oder weil ein allgemeiner Trendumschwung stattfand, jedenfalls: seitdem bin ich pract med, was soviel heisst wie praktischer Mediziner. Eine Berufs- oder Titelbezeichnung, mit der ich sehr gut leben kann und auf die ich auch stolz bin, zeugt doch auch sie davon, dass ich dieses lange Studium bestanden habe. An dieser Titelbezeichnung änderte sich auch nichts, nachdem ich den Facharzttitel FMH Gynäkologie und Geburtshilfe erlangt habe. Wieso sollte es auch?  

Hier noch ein Link zum Thema für interessierte LeserInnen, Spiegel (29.09.2015) 

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